Auslandssemester in Marseille: Lernen wie Gott in Frankreich

Als ich mit meinen ISM-Kommilitonen Julia, Mark und Julius nach knapp zwei Tagen Fahrt durch Deutschland und Frankreich gegen 23 Uhr endlich den Hafen von Marseille erreichte, zeigte sich die Stadt, welche vor mehreren Jahrhunderten noch als eine der reichsten und schillerndsten des ganzen Mittelmeerraumes galt, nicht gerade von ihrer besten Seite: Dunkle, schlecht ausgebaute und in sich verschlungene Straßen; marode Häuserfronten, von gelb-orangenem Licht der Nachtlaternen bestrahlt. Menschen, die uns mit kritischen Blicken musterten. Niemand von uns hatte zuvor Marseille besucht; wir hatten uns bei der Wahl des Auslandssemesters auf Erfahrungsberichte und Intuition verlassen. Bei mir stellte sich angesichts der Tatsachen ein „Hier soll ich die nächsten Monate leben?“ – Gefühl ein, jedoch war ich zu müde, um mich damit ernsthaft auseinanderzusetzen. Also ab in die Pension, Licht aus, schlafen. Morgen beginnt die Uni.

Als wir am nächsten Tag einigermaßen gut ausgeruht die Fenster öffneten, bot sich uns ein unglaublicher Ausblick. Direkt gegenüber der kleinen Bergstraße, welche vom Zentrum Marseilles Richtung Süden führt, peitschte das ungezügelte, tiefblaue Mittelmeer mit lautem Getöse gegen die Felsen der Bucht. Unzählige Möwen flogen ziellos und kreischend umher, ein salziger Geruch lag in der Luft. Wind. Sonnenschein. Einvernehmlich stellten wir fest, dass Marseille seinen ersten Eindruck mehr als wettgemacht hat.

Getrieben von Neugierde hatten wir doch eigentlich viel mehr Lust darauf, diese fremde Stadt zu erkunden. Die Uni hatte jedoch selbstverständlich Vorrang. Dort angekommen, versuchten zahllose Studenten aus den unterschiedlichsten Ecken der Welt in Englisch, Schwedisch, Portugiesisch oder auch Chinesisch irgendwie, an Informationen bezüglich der Tagesplanung zu gelangen. Und wieder dachte ich mir, es ist ganz anders als in Deutschland: Laut, schrill, bunt, teils unorganisiert. Aber auch unglaublich interessant. In den kommenden Monaten lernten wir neben den anderen Austauschstudenten vor allem die einheimischen französischen Studenten schätzen. Sie sind wie die Stadt, in der sie leben, so dachte ich. Anfangs verschlossen, öffnen sie sich mit der Zeit und begegnen einem mit einer Gastfreundschaft und Wärme, wie ich sie zuvor selten erlebt habe.

Noch heute, viele Jahre später, wenn ich in Deutschland am Schreibtisch sitze und aus dem Fenster das schlechte Wetter beobachte, wünsche ich mich oft zur „schönen Wilden“, wie Marseille von seinen Einwohnern genannt wird, zurück. Dann erinnere ich mich daran, wie wir an den Meeresklippen der kleinen Bergstraße mit Sonne und Wind im Gesicht entlang gejoggt sind. Es liegt eine gewisse Befriedigung in der Tatsache, dass nicht immer alles perfekt getaktet, organisiert und äußerlich schön sein muss, um wahrhaft zu begeistern. Dies verstanden zu haben, ist für mich die wertvollste Erkenntnis meines Auslandssemesters.

Autor: Maximilian Philipp Schmidt