Kulturelle Unterschiede besser verstehen – von der „Indian flexible time“ und einem Alltag ohne Kritik

Das indische Leben ist geprägt durch Improvisation sowie einem Zeitverständnis, welches relativ betrachtet wird. Der deutsche Turnus folgt vielmehr den Prinzipien der Planungssicherheit. „Ein Student, der aus Indien nach Deutschland kommt, sollte die deutsche Kultur genau betrachten und ein Bewusstsein für die Unterschiede entwickeln“, rät ISM-Student Tushar Sheel, der 2007 über sein Unternehmen WILO SE aus dem 1,2 Milliarden-Einwohner-Land in den Ruhrpott kam. Derzeit studiert er an der ISM den berufsbegleitenden MBA General Management und gibt seine Erfahrungswerte für den Einstieg in Deutschland an internationale Studierende weiter.

Foto: kagemusha/ Fotolia.com
Foto: kagemusha/ Fotolia.com

Ankommen in der deutschen Kultur und Gesellschaft ist das erste Ziel. „Am wichtigsten sind sehr gute Englischkenntnisse und auch Grundkenntnisse der deutschen Sprache“, erinnert sich Tushar Sheel zurück. Den deutlichsten Unterschied zwischen der deutschen und indischen Gesellschaft sieht er in der unmittelbaren Art der Deutschen und der zurückhaltenden, indirekten Weise der Inder: „In Indien sagt Dir niemand ins Gesicht, wenn er von Deiner Idee nichts hält. Für mich war es aber nie schwer, mich auf kulturelle Unterschiede einzustellen und mich anzupassen“. Der Ingenieur ist selbst in Nordindien innerhalb einer muslimischen Gesellschaft als Hindu aufgewachsen und besuchte eine katholische Schule. Für das Studium zog es Tushar Sheel nach Delhi und für den ersten Job schlussendlich nach Pune in den Westen des Landes. So erlebte er schon in jungen Jahren eine religiöse und kulturelle Vielfalt und lernte verschiedene Sprachen, Dialekte und Schreibweisen kennen. Von Marathi, über Bengali bis hin zu Punjabi – in Indien werden insgesamt über 100 Sprachen gesprochen.

Foto:  Boris Stroujko/ Fotolia.com
Foto: Boris Stroujko/ Fotolia.com

Seit neun Jahren lebt er nun in Deutschland und wird Anfang nächsten Jahres das berufsbegleitende MBA-Studium beenden. „Praxisnahe Studiengänge sind in Indien immer sehr viel wert“, zieht der 34-Jährige Bilanz. Aufgrund dieser Tatsache suchen viele Inder beim passenden Abschluss explizit nach einem MBA. „Ich habe das Studium vor allem aufgenommen, um mein Netzwerk zu erweitern und meinen Bildungsabschluss aufzuwerten“, erzählt er. Die indische Hochschullandschaft steht vor zahlreichen Herausforderungen: „Nicht alle Hochschulen sind qualitativ hochwertig und so schaffen es nur die Besten eines Schuljahrganges an eine gute Hochschule, von denen es in Indien insgesamt zu wenige gibt“, fasst er zusammen.  Eine Vielzahl an Indern verlässt demnach jährlich das Land, um einen Abschluss im Ausland zu erwerben.

Tushar Sheel arbeitet und studiert in Deutschland, nach Indien reist er etwa vier bis fünf Mal im Jahr. Im September wird er innerhalb seines MBA-Studiums einen integrierten Auslandsaufenthalt an einer indischen Partnerhochschule in Indore verbringen. Seine Mitstudierenden bereitet er schon jetzt auf den Verhaltensknigge für die gemeinsame Zeit in Indien vor.

Autorin: Anke Jüntgen