Erfahrungsbericht der ISM-Delegation der National Model United Nations 2017 in New York

Es ist vorbei. Fünf Tage Intensivkurs in „Funktionen, Arbeitsweise und Herausforderungen der Vereinten Nationen“. Fünf Tage, die wohl für alle 15 Delegierten der ISM die intensivsten und beeindruckendsten fünf Tage ihres noch jungen Karrierelebens bedeuteten – und das mitten in New York, in Manhattan. Doch von vorne..

Angefangen hatte alles vor ca. einem Jahr. An den Standorten Frankfurt, Dortmund, Hamburg, Köln und München fanden dezentrale Auswahlverfahren für die Delegierten der ISM an den National Model United Nations 2017 in New York (NMUN) statt. 15 ambitionierte und politikinteressierte Studenten aus verschiedenen Semestern und Studiengängen haben sich nach mehrtägigen Auswahlverfahren deutschlandweit durchgesetzt und sich nun zu einem Team formiert.

NMUN1Bereits im August starteten die ersten Vorbereitungsmaßahmen für diese Simulation, welche mit über 8.000 Studenten aus ca. 120 Ländern, die weltweit größte und angesehenste internationale Simulation der United Nations darstellt. Nach einem ersten kurzen Wochenende zum „Kennenlernen“ in Hamburg starteten die für die nächsten sieben Monate im Terminkalender fest implementierten mehrstündigen Skype-Calls am folgenden Montagabend. Aufgrund zahlreicher Auslandssemester kamen die Delegierten nun wöchentlich via Skype aus Paris, Amsterdam, Dublin, Shanghai, Peking, London sowie den fünf verschiedenen deutschen Standorten zusammen, um ihre vorbereitenden Arbeiten zu besprechen.

Neben der generellen Reiseorganisation und der Suche nach Sponsoren und Unterstützern ging es vordergründig um die inhaltliche Vorbereitung. Diese sollte sich durch die Zuteilung Ungarns als zu vertretenden Land als äußerst interessant und in vielerlei Hinsicht „brandaktuell“ herausstellen. Mit ihren 15 Delegierten vertrat die ISM mit Ungarn ein kleineres, aber im europäischen Ostblock bedeutendes und vor allem meinungsstarkes Lands, welches in acht der 23 verschiedenen Komitees in New York vertreten ist. Mit den Komitees sind die themenspezifischen Unterausschüsse der United Nations, wie beispielweise der Sicherheitsrat oder die UNEA (United Nations Environmenal Assembly) gemeint. Komplettiert werden diese spezifischen Ausschüsse durch die drei „großen“ General Assemblies, welche einen Sitz für alle vertretenden Nationen bereitstellen und neben eigenen Tagesordnungspunkten über die in den Unterausschüssen durchgewinkten Resolutionen final abstimmen.

Nach Bekanntgabe des zu vertretenden Landes und der zu behandelnden Themen je Komitee, konnte die inhaltliche Vorbereitung richtig beginnen. Jedes Komitee hatte nun drei unterschiedliche Themenschwerpunkte aus der Sicht des Landes Ungarns zu bearbeiten. Dies beinhaltete das umfassende Einlesen in das Thema, die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Standpunkten und letztlich das Schreiben eines Positioning Paper, welches eine klare Position inklusive Handlungsempfehlungen des zugeordneten Landes zu den jeweiligen drei Themen beinhaltet und den bis dato ungewohnten Formalitäten sowie der Sprache der UN gerecht wird. Zur intensiven Vorbereitung auf diese Woche gehörte auch, die Positioning Paper der jeweils anderen Nationen in seinem Komitee gelesen zu haben, um somit einen Überblick über mögliche Partner und „Verbündete“ für eine gemeinsam erstellte Resolution zu haben.

NMUN2Ziel der fünf Tage in New York war das Finden von Gemeinsamkeiten, das Erstellen von Working Papers und die darauf aufbauenden Resolutionen, welche generelle Standpunkte sowie explizite operationelle Maßnahmen beinhalten sollten. Um die Wünsche, Interessen und Sichtweisen seines Landes möglichst weitestgehend in der den finalen Entwürfen wiederzufinden, musste eine ausgiebige Lobbyarbeit und Kompromissbereitschaft an den Tag gelegt werden.

Bereits beim Einchecken in die beiden Partnerhotels der NMUN, dem Sheraton und dem Hilton am Times Square, welche auch die unzähligen Veranstaltungsräume bereitstellten, wurde den MUN-unerfahrenen Teilnehmern der ISM die Wichtigkeit der Lobbyarbeit bewusst. Mit Visitenkarten ausgestattet, starteten die zahlreichen Studenten und Landesvertreter in den Hotellobbys erste Vernetzung-Gespräche und Terminabsprachen, um möglichst schnell die Working Groups für die nächsten Tage zu finden. Die erste Sitzung startete mit der Abstimmung der Agenda-Reihenfolge. Die Wichtigkeit dieser Abstimmung sollte sich als relevant herausstellen, da sämtliche Komitees lediglich nur einen Agenda-Punkt in den nächsten fünf Tagen mit dem Ergebnis einer mehrheitsfähigen Resolution bearbeiten konnten.

Die tagesfüllende Abstimmung dieser Agenda-Reihenfolge zeigte bereits am ersten Tag die Herausforderung der Vereinbarung unterschiedlicher Interessen, sowie die hohe Formalität während der Sitzungen in Bezug auf Wortbeiträge, Abstimmungen oder Unterbrechungen. Diese dürfen ausschließlich über eindeutig festgelegte Wortbeiträge beantragt bzw. durchgeführt werden. Geleitet werden die Sitzungen, in denen in vielen Fällen mehr als 100 Länder mit jeweils zwei Delegierten vertreten sind, von dem sogenannten Direktor und dem Chair in englischer Sprache. Die Sitzungen bestehen im Grunde ausschließlich aus formalen Debatten, bei denen gemäß einer Liste Reden und Positionen öffentlich verkündet werden sowie informalen Debatten, bei denen im Nebenraum Lobbyarbeit oder inhaltliche Arbeit stattfinden kann.

Die Versammlungszeiten von 08:30 Uhr morgens bis 23 Uhr abends ließen während des NMUN kaum ein weiteres Erkunden der Weltmetropole zu. Stattdessen ging es jeden Tag darum, die vorbereiteten Thesen, Maßnahmen und Initiativen möglichst wortlautend in jene Working Paper zu platzieren, bei denen man aufgrund größter gemeinsamer Interessen, mitarbeitet und somit als Sponsor fungiert. Erreicht man mit seinem Paper die einfache Mehrheit anhand der Sponsoren und Signaturen, also weiteren Ländern, welche diese Ideen umsetzungswert finden, auch wenn sie Ihre inhaltliche Meinung nicht explizit implementieren konnten, wird dieses Paper zur finalen Abstimmung freigegeben. Wird diese einfache Mehrheit nicht erreicht, müssen „Merger“, also auf Kompromissen basierende Zusammenlegungen von Papers, eingegangen werden. Dabei galt es vor allem, persönliche Ambitionen beiseitezulegen, den Verlust an Einfluss zu akzeptieren und die Ziele des zu vertretenden Landes zu verfolgen. Im Komitee UNEA, welches sich mit der Implementierung des Paris Agreements auseinandersetze, führte dies bei 141 teilnehmen Staaten schließlich zu elf verschiedenen Working Papers über dessen Verbindlichkeit in einer einfachen Abstimmung zum Ende abgestimmt wurde.

Die Delegierten der ISM haben insgesamt an 19 finalen Resolutionen aktiv mitgearbeitet. Nach dem Abschluss des NMUN, dessen Abschiedszeremonie gebührenderweise im schwer gesicherten und für Touristen nicht zugänglichen UN-Plenarsaal stattfand, haben sich die 15 Delegierten final zusammengesetzt und diskutiert, welche die wohl prägendsten Eindrücke dieser intensiven Woche sein würden.

Neben der hochprofessionellen Organisation im wohl besten Viertel der Weltstadt New York, dem spannenden und einmaligen Einblick in das Leben eines UN-Abgeordneten, waren es vordergründig die Menschen, welche wir als Delegation in diesen Tagen getroffen haben. Ob 18-jährige Ägypter, 25-jährige Slowenen, 27-jährige Australier, Frauen und Männer aus Südafrika, Venezuela, China oder Russland – sie alle unterschieden sich in Kultur, Muttersprache und oftmals Aussehen, doch alle verband die scheinbar grenzenlose Wissbegierde, der als Eisbrecher fungierende Humor und der omnipräsente Grundgedanke der Vereinten Nationen: Make the world to a better place.

Autoren: Sebastian Dinklage, Stefan Rotterdam

 

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