„Wunder warten nicht auf Asphaltstraßen“ – über Staus und das Pendeln

36 Minuten. Wenn ich im Internet nachsehe, wie lange ich bis zur Uni brauchen werde, ist das immer die Antwort. Und egal für welchen Weg ich mich am Ende entscheide, das Ergebnis ist immer das gleiche. Ich brauche länger. Den Grund dafür kennt wohl jeder: Stau. Vermutlich geht es vielen der ISM-Studenten ähnlich. Denn an der ISM merkt man schnell, dass die Anzahl der Pendler ziemlich hoch ist. Mein Weg aus dem Sauerland führt mich täglich über die A46 und die A45 bis hin zur Otto-Hahn-Straße, Dortmund. Aber dieser Weg scheint an manchen Tagen einfach nicht zu wollen, dass ich pünktlich bin.

image-2017-06-19Momentan ist mein größter Feind die Baustelle der Lennetalbrücke auf der A45. Erst habe ich mich jeden Tag gefreut, die Fortschritte mit anzusehen und habe auf den Tag gewartet, an dem endlich die neue Brücke befahren wird. Aber mittlerweile ist selbst dieser Zauber verflogen. Die neue Brücke war gar nicht so toll, wie ich sie mir vorgestellt habe. Und seitdem ich das erste mal doppelt so lange gebraucht habe, weil in der Baustelle ein Unfall war, ist diese Verzögerung ziemlich lästig. Seitdem habe ich also verschiedenste andere Wege ausprobiert, die mir von Google oder Freunden vorgeschlagen wurden. Aber es scheint egal, für welchen Weg ich mich entscheide. Es gibt auf jeder Strecke irgendwo einen Stau.

Mein liebster Weg ist noch immer die Autobahn. Ich mag es einfach mal, wirklich zu fahren und nicht ständig anzuhalten. Weil eine Ampel rot wird. Weil ich nicht auf einer Vorfahrtsstraße fahre. Weil doch mal ein Auto aus einer Rechts-Vor-Links Straße herausgeschossen kommt.

Und genau deswegen finde ich mich doch fast jeden Morgen auf der Autobahn wieder. Ich warte geduldig, wenn ein Stau aufkommt. Ich lasse mich in Baustellen nicht bedrängen, nur weil das Auto hinter mir doch etwas schneller fahren will. Und ich stelle mich brav an, wenn mal wieder bereits auf der Auffahrt Stau herrscht.

Weil ich gerne Auto fahre. Ich genieße es einfach, eine halbe Stunde (oder auch länger) nur zu fahren. Meine Lieblingsplaylist anzuschalten und mitzusingen. Um dabei etwas vom Alltag abzuschalten. Denn wenn ich mit Queen, Kraftklub oder Paramore singe, vergesse ich die Zeit. Und der Stau hört auf, mich zu verärgern. Ich singe meinen Stress, meinen Zeitdruck und die Angst zu spät zu kommen einfach weg.

In meinem Lieblingsbuch schreibt Marie Meimberg: „Wunder warten nicht auf Asphaltstraßen.” Ein Satz, der nicht nur schön klingt, sondern auch die Wahrheit sagt. Und trotzdem warte ich jeden Morgen dort, singe vor mich hin und träume. Von Aufgaben und Abgabeterminen. Klausuren und Präsentationen. Baustellen und Staus. Terminen und Stress. Und viel zu wenig von Wundern.

Ich würde gerne ausbrechen und einfach nicht mehr warten. Direkt zu den Wundern durchfahren. Ohne Pause. Ohne Steine im Weg. Ohne Stau.

Egal wie lange ich auf Asphaltstraßen warten muss, irgendwann bin ich am Ziel. Manchmal zu spät. Gelegentlich genervt von anderen Autofahrern. Immer öfter auch pünktlich. Aber immer mit einem Lied auf den Lippen. Denn glücklicherweise wartet die Musik mit mir. Und sie erinnert mich daran, wie wundervoll das Warten sein kann.

 

Autorin: Laura Krabbenhöft