München lieb ich sehr – U-Bahn-Fahrten noch viel mehr!

7:30 Uhr – der Morgen graut. Im Kopf gehe ich schon mal die heutigen Herausforderungen meines jungen Lebens durch und bereite mich mental auf das erste Highlight des Tages vor: die morgendliche U-Bahn-Fahrt! Ich liebe dieses Bad in der Menge, das täglich dazu beiträgt, mir vorzunehmen, ganz schnell einen exzellenten Abschluss zu schaffen, einen Vorstandsposten in einem Dax-Unternehmen zu ergattern, um dann nur noch mit Chauffeur durch die Stadt gefahren zu werden.

Doch bis dahin heißt es: ab in den Untergrund! Der tägliche Nahkampf beginnt schon auf der Rolltreppe: rechts stehen – links rennen, schupsen, fluchen. Wer zu schwach ist, der stolpert oder wird an die Seite gequetscht. Aber ich mag den körperlichen Kontakt und bin stolz, ein so gut funktionierendes Schmerzempfinden zu haben!

Mit gefühlt 500 unausgeschlafenen Mitmenschen stehe ich am Bahnsteig und lausche der sexy Stimme der Ansagerin: „Leider sind technische Probleme aufgetaucht, wir bitten um Geduld.“ Genervtes Gemurmel und weiteres Warten neben freundlich pöbelnden Halbstarken. Aber ich, der ausgeschlafene U-Bahn-Profi, lasse mich davon nicht irritieren. Ich habe mein Zeitmanagement natürlich an die äußerst seltenen Unregelmäßigkeiten des Münchner Untergrunds perfekt angepasst.

Und dann ist es endlich soweit! Der Zug kommt und ich genieße den leicht stinkenden Halborkan der einfahrenden U-Bahn. Hierbei ist zu bemerken, dass man möglichst keine allzu großen Bemühungen auf das Frisurenstyling am Morgen verwenden sollte, da die Haarpracht regelmäßig ruiniert ist.

Wie ein junger Adler stürze ich mich mit 50 anderen Fahrgästen in das nächst gelegene U-Bahn-Abteil. Meine Freude ist groß, wenn ich erkenne, dass der Zug bereits jetzt hoffnungslos überfüllt ist. Aber eine erfolgreiche und vom Glück verwöhnte ISM-Studentin versucht natürlich trotzdem einen Platz zu ergattern – man will ja bestens vorbereitet in die erste Vorlesung starten. Hier ist dann eine abgeschlossene Ausbildung zum Kick-Boxer oder auch entsprechende Nahkampf-Erfahrung von großem Vorteil. Aber auch kleine Tricks sind hilfreich, wie zum Beispiel bereits zum Frühstück diverse Knollen von Knoblauch oder Zwiebel zu verzehren. Der Effekt ist immer wieder begeisternd: zuckend aufspringende Sitznachbarn und freie Platzwahl!

Wenn der Zug dann endlich losfährt, kann man wunderbar beobachten, wie die Menge versucht, das Gleichgewicht zu halten. Irgendjemand greift immer ins Leere und haut seinem Nachbarn den Rucksack oder den Aktenkoffer ins Genick. Wirklich lustig sind auch die laut schreienden Schulkinder, die versuchen, sich mit ihren Freunden im zehn Meter entfernten Nachbarabteil über die gestrigen Vorabendserien zu unterhalten. Nebenbei darf ich den melodischen Tönen des neuen Helene Fischer Albums lauschen, das meine Sitznachbarin freundlicherweise in solcher Lautstärke durch ihre Kopfhörer dröhnen lässt, dass es auch mich verzaubert.

Sollte man vorhaben, pünktlich zur Vorlesung zu erscheinen, ist es ratsam, sich mindestens fünf Minuten vor Ausstieg Richtung Tür zu kämpfen. Tut man dies nicht rechtzeitig, lernt man automatisch neue U-Bahn Stationen kennen, was die Ortskenntnisse unglaublich erweitert! Irgendwann komme auch ich in meiner ISM an und überlege, morgen vielleicht mal wieder mit dem Fahrrad zu fahren – gesunde Abgase einatmen, hat auch was!

Aber jetzt muss ich mich beeilen, die Vorlesung läuft schon…

 

Autorin: Anne-Sophie Schneider