Künstliche Intelligenz im Digitalen Recruiting

Alexa, stell mich ein! Die Digitalisierung krempelt den Bewerbungsprozess um

Wann habt ihr das letzte Mal eure Bewerbungsmappe in den Briefkasten geworfen? Wir können uns auch nicht erinnern. Mittlerweile ist die Bewerbung via E-Mail oder Online-Portale alltäglich. Aber wie sieht es aus, wenn Roboter uns die Fragen stellen oder ein Algorithmus unsere Gesichtsausdrücke auswertet? Prof. Dr. Ernestine Schafmann leitet den neuen Master-Studiengang Human Resources Management & Digital Transformation und hat uns erklärt, welche Rolle die Digitalisierung im Recruiting spielt.

Frau Prof. Schafmann, die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt in allen Bereichen. Welche Rolle spielt sie im Bewerbungsprozess?

Die klassische Bewerbungsmappe aus Papier hat schon heute in den meisten Unternehmen ausgedient. Dass Bewerber ihre Unterlagen per E-Mail versenden oder ein Online-Formular auf der Website des Unternehmens nutzen, ist mittlerweile die Regel. Durch den Siegeszug des Internets, unser verändertes Informations- und Medienverhalten und verschiedene Personalmarktveränderungen hat sich das Recruiting mittlerweile fundamental verändert. Plakativ könnte man formulieren: Keine Mitarbeitersuche ohne digitales Recruiting. Moderne Recruiting-Prozesse müssen schneller und einfacher werden und deshalb in Zukunft noch stärker als bisher Künstliche Intelligenz, Big Data und Algorithmen nutzen. Da stehen wir erst am Anfang eines grundlegenden Wandels.

Porträt Prof. Dr. Ernestine Schafmann
Prof. Dr. Ernestine Schafmann leitet den neuen Studiengang M.A. Human Resources Management & Digital Transformation

Wie wird das digitale Recruiting heute schon umgesetzt?
Viele Unternehmen optimieren ihre mobilen Karriere-Websites oder Online-Stellenanzeigen. Da wir mittlerweile fast alles mit dem Smartphone machen, ist es natürlich naheliegend, auch mobil nach Jobs zu suchen. Tatsächlich zeigen Umfragen, dass Mobile Recruiting insbesondere bei der jungen Generation, den Digital Natives, sehr beliebt ist. Idealerweise können Kandidaten ganz unkompliziert das aktuelle Profil aus einem Karrierenetzwerk in die Datenbank des Wunscharbeitgebers importieren oder per E-Mail versenden. Die direkte Bewerbung über das Smartphone senkt erwiesenermaßen die Hemmschwelle, beschleunigt das Bewerbungsverfahren und erhöht die Arbeitgeberattraktivität. Auf Unternehmensseite ist die Akzeptanz allerdings noch ausbaufähig. Hier müssen die Recruiter mit Blick auf die Unterlagen deutlich flexibler werden und sich beispielsweise Kurzbewerbungen via Social-Media-Profil öffnen.

Einige Arbeitgeber setzen darauf, ihre Kandidaten spielerisch zu testen. Was genau steckt hinter dem Gamification-Trend im Recruiting?
Gamification oder auch Recrutainment ist ein wichtiger, wenn auch nicht mehr ganz neuer Trend, der sich am Medien- und Freizeitverhalten der Bewerber orientiert und die Möglichkeiten der Digitalisierung konsequent nutzt. Der Ansatz verknüpft dabei sehr geschickt kurzweilige und unterhaltsame Elemente mit wissenschaftlichen Tests oder diagnostischen Auswahlverfahren. Auf diese Weise gelingt es beispielsweise, ein Online-Assessment durchzuführen und eine berufliche Eignungsabschätzung vorzunehmen, ohne potenzielle Kandidaten abzuschrecken.

 

Deutschland wird häufig vorgeworfen, die Digitalisierung zu verschlafen. Gilt das auch im Personalbereich?
Digitale Bewerbungen sind auch hier mittlerweile der Standard. Algorithmenbasierte Lösungen wie Robot Recruiting und Chatbots als digitale Karriereberater werden von Unternehmen mehr und mehr genutzt, um den Bewerbungsprozess schneller, zielgerichteter und einfacher zu gestalten. Noch eher die Ausnahme bildet dagegen der Einsatz von KI-gestützten Video- und Sprachanalysen. Beispielsweise nutzt Unilever das Programm „HireVue“, um auf Basis einer Videoaufnahme des Bewerbers mit Algorithmen Voraussagen über seine künftige Leistung zu treffen. Der Versicherungskonzern Talanx setzt seit einiger Zeit die Sprachanalysesoftware „PRECIRE“ bei der Personalvorauswahl ein. Das ist in Expertenkreisen nicht unumstritten. Letzten Endes mangelt es an Vertrauen und es gibt Zweifel an der Ausgereiftheit der Systeme. Nicht immer unbegründet, wenn man bedenkt, dass Amazon gerade sein automatisches Bewertungssystem von Bewerbungen größtenteils eingestampft hat, weil die KI Frauen systematisch benachteiligte. Befürworter argumentieren aber, dass ein gut programmierter Algorithmus Entscheidungen objektiver treffen kann. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Entwicklungen im Recruiting auch in Deutschland weiter Fahrt aufnehmen werden.

Wo liegen die Grenzen digitaler Bewerbungsprozesse?
Die Digitalisierung der Recruiting-Welt wird weiter voranschreiten, daran besteht kein Zweifel. Wählt der Roboter aber bald den Mitarbeiter aus? Das ist zumindest in absehbarer Zeit unwahrscheinlich. Innovative Technologien helfen dabei, den Recruiting-Prozess effizienter, transparenter und effektiver zu gestalten. Sie unterstützen bei der Identifikation von potenziellen Kandidaten, der richtigen Ansprache zum richtigen Zeitpunkt, beim Bewerbermanagement und der Personalauswahl. Aber algorithmenbasierte Lösungen stoßen zumindest heute noch an ihre Grenzen, wenn es um das Bewerten der Soft Skills, das Aufspüren verborgener Talente und den persönlichen Eindruck geht. Hier wird der Faktor Mensch vermutlich stets eine entscheidende Rolle spielen.

 

Interview: Laura Krause