So wird der Job im Ausland zum game changer für die Karriere

Einen Job im Ausland anzunehmen, heißt fast immer: Raus aus der Komfortzone! Wir haben mit Prof. Dr. Ulrike Weber über das Leben und Arbeiten im Ausland gesprochen. Sie hat selbst für Bertelsmann Services (Arvato) in den USA gearbeitet und als Director Talent Management Leute in andere Länder geschickt und nach Deutschland geholt.

Eine Zeit lang im Ausland zu arbeiten, gilt als “game changer” in Sachen Karriere. Warum ist das so?

Häufig beginnt es schon früher: Einige Firmen stellen für internationale Trainee-Stellen nur Absolventen ein, die bereits mindestens ein Jahr im Ausland gelebt haben. Warum ist das so? Sie erhoffen sich davon, dass diese Absolventen in der Lage sind, sich schnell auf unbekannte Situationen einzustellen, flexibel, eigeninitiativ und widerstandsfähiger sind, mehr Erfahrungen mitbringen und den eigenen Status quo auch mal in Frage stellen.

Ähnlich sieht es für Unternehmen aus. Für international agierende Firmen ist es selbstverständlich, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Karriere machen wollen, nicht nur den Heimatmarkt kennen, sondern mindestens ein weiteres Land, möglichst ein außereuropäisches. Und dies gilt nicht nur für die großen Unternehmen, sondern auch viele kleine und mittlere Unternehmen sind international tätig. Dies hängt von ihrer Wertschöpfungskette und Wachstumsstrategie ab. Und da die meisten Wachstumsmärkte nicht in Westeuropa liegen, sind die Entsendungen nach Paris, Rom, London oder Madrid eher die Ausnahme. Und auch Brasilien besteht nicht nur aus der Copacabana bei gutem Wetter. Wer sich seine Sporen verdienen möchte, geht meist in andere Länder. Und hier genau beginnt der game changer: Wer ist bereit, auch mal die eigene Komfortzone zu verlassen? Wer zeigt die notwendige Flexibilität, eine der wichtigsten Kompetenzen im Business, indem er sich bewegt und an andere Gegebenheiten anpasst? Wer ist in der Lage, Situationen zu meistern, die unvorhergesehen eintreten und nicht durch bekannte Regularien abgesichert sind? Zeigt also Entrepreneurship? Und wer ist nicht sofort frustriert, wenn nicht alles nach Plan läuft? Viele wichtige Kompetenzen, die für erfolgreiches Agieren im Business wichtig sind, manifestieren sich durch Leben und Arbeiten im Ausland.

Was sagt der Blick der HRlerin: Ändert uns das Leben und Arbeiten im Ausland?

Absolut! Abgesehen von den Sprachkenntnissen, die wir erwerben können, verändert sich unser Blick auf die Welt. Durch die andere Perspektive beginnen wir, Dinge zu hinterfragen. Ich nenne es immer den „Blinden Fleck“ ausleuchten: Dinge, die wir für selbstverständlich erachten (z.B. Krankenversicherung, konsequente Gewaltenteilung, Waffengesetzte) sind es in vielen Ländern nicht, selbst in westlichen Ländern.

Prof. Dr. Ulrike Weber

Und bei anderen Dingen wird uns gezeigt, wie man es anders oder auch besser machen kann (z.B. Schulsysteme, Tempolimits, bargeldloses Bezahlen.) Auch ist man als „Ausländer“ auf einmal eine Minderheit und Gast in einem Land und sollte sich als solcher verhalten. Natürlich gibt es immer die Unverbesserlichen, aber die meisten Menschen gewinnen viele neue Perspektiven und Erfahrungen dazu und hinterfragen sich, ihre Werte und Gewohnheiten kritisch. Insofern ist das Leben und Arbeiten im Ausland für viele eine große Bereicherung, selbst in Ländern wo man es wenig erwartet. Nie werde ich vergessen, wie jemand mit leuchtenden Augen von seiner Zeit in Afghanistan berichtetet, ohne die Herausforderungen des Landes zu beschönigen, aber es gab noch sehr viel mehr.

Wo liegen die größten Herausforderungen: Papierkram, interkulturelle Verständigung oder schlichtweg Heimweh?

Papierkram kann nervig sein, ist aber meist machbar, wenn man es rechtzeitig beginnt und nicht allzu exotische Rahmenbedingungen hat. Als Expat werden sie dabei auch von Ihrem Unternehmen unterstützt. Ebenso durch umfassende interkulturelle Vorbereitung, die z.B. auch für bestimmte Länder Sicherheitstrainings beinhalten. Damit das Heimweh nicht zu große wird, sind die Anzahl der Heimflüge oft geregelt, und in Zeiten von Skype braucht niemand mehr drei Wochen auf Post aus der Heimat zu warten. Aber genau darin liegt auch die Gefahr: Das „sich nicht einlassen“ auf die anderen Länder und Kulturen. So gibt es Austauschschüler, die sehr viel Zeit mit ihren alten Freunden im Netz verbringen, anstatt an einer AG an ihrer neuen Schule teilzunehmen. Das ist natürlich bequem, aber sie vergeben sich damit viele Möglichkeiten und lassen sich nicht wirklich auf das Gastland und dessen Kultur ein. Eine vergebene Chance. Ebenso Arbeitnehmer, die zwar tagsüber im Job in einem neuen Land sind, aber den Rest des Tages in ihrer Enklave verbringen unter ihresgleichen. Insofern sind die größten Herausforderungen die vertanen Chancen.

In welche Falle treten Expats häufig?

Unrealistische Erwartungen. Erst einmal wird nicht jeder Expat, sondern Unternehmen versuchen, Mitarbeiter zu „lokalisieren“, d.h. mit einem lokalen Vertrag nach den dort gültigen Rahmenbedingungen einzustellen. Sicherlich soll sich niemand schlechter stellen als Zuhause, aber die Erwartungen, was von den Unternehmen bezahlt werden soll, sind teilweise überzogen. Ebenso die Erwartungen an die Zeit danach. Zeit im Ausland bedeutet nicht automatisch eine Beförderung auf den Chefsessel. Sie kann dazu qualifizieren, ist jedoch kein Automatismus. Ebenso sollten sie vorsichtig sein, alles im Gastland mit Zuhause zu vergleichen. „Anders“ bedeutet nicht immer „schlechter“ oder „besser.“

Worauf kommt es bei der Vorbereitung an?

Sich gut zu informieren, beraten zu lassen und realistische Zeitpläne zu erstellen. Meist unterstützen hier wieder die Firmen bei grundlegenden Fragen wie Gehalt, Kaufkraft (PPP), Aufwendungen für den sogenannten „Warenkorb“, Krankenversicherung, Immobilienmarkt oder Rentenbeiträge. Oftmals bieten sie auch eine „Look & Feel“ Reise an, um sich vor Ort ein Bild davon zu machen, was einen wirklich erwartet –besonders bei Ländern, in denen man noch nie gewesen ist, und die deutlich andere Lebensbedingungen als in Europa haben. Sinnvoll ist es auch, im Vorfeld Kontakt mit den Vorgesetzten und Kollegen aufzunehmen und die Vorstellungen davon zu klären, was der eigene Wertbeitrag auf der Position ist, wenn es nicht eine bestimmte Position mit einer aussagekräftigen Stellenbeschreibung ist. Versuchen sie auch zu klären, oder zumindest eine Vorstellung davon zu bekommen, welche Positionen nach der Rückkehr möglich wären. Sicherlich lässt sich das nicht 1:1 genau vorhersagen, aber einen Plan für mögliche Zielpositionen sollte es geben.

Interview: Simone Gebel (ISM)