Vom Beschaffer zum Innovationsmanager – Trends, Skills und Hacks für den Einkauf

Unterbrochene Lieferketten, geschlossene Produktionen: Einkauf, Logistik und Supply Chain Management sind in der Corona-Krise ziemlich unter Druck geraten. Zeitgleich zeigen die letzten Monate, wie hoch der Stellenwert des Einkaufs im Unternehmen ist. Hans Boot ist Absolvent der ISM und Partner bei Durch Denken Vorne Consult. Mit ihm haben wir über Einsparpotenziale, die neue Rolle des Einkaufs im Unternehmen und Kernkompetenzen von Einkäufern gesprochen.

Wie stark steht der Einkauf in der Corona-Krise unter Druck? Welche Beobachtungen haben Sie als Berater gemacht?
Sehr stark, da das Thema Kostensenkung nun noch wichtiger ist. Zudem muss der Einkauf zeitgleich auch auf die Lieferfähigkeit achten, da das Risiko einer Insolvenz bei den Lieferanten spürbar gestiegen ist.

 

Sind manche strukturellen Probleme im Einkauf durch Corona vielleicht erst sichtbar geworden?
Ja! Zum einen merken viele Einkaufsabteilungen nun auf sehr unschöne Weise, dass ihnen ein professionelles Risikomanagement fehlt, zudem verzweifeln manche auch an schlecht definierten und/oder eingeführten Warengruppenstrategien.

 

Welchen Stellenwert hat der Einkauf im Unternehmen? Sehen Sie über die Jahre hinweg Veränderungen?
Leider immer noch nicht den Stellenwert, den er eigentlich verdient hätte. Aufgrund der Wichtigkeit des Einkaufs und dessen starker Einfluss auf den Unternehmensgewinn müsste der Einkauf eigentlich Teil der Geschäftsleitung sein und direkt an den CEO berichten, leider ist dies jedoch oft nicht der Fall. Man muss aber auch sagen, dass sich der Stellenwert in den letzten 20 Jahren dennoch deutlich gebessert hat. Dies liegt vor allem daran, dass sich viele Einkaufsabteilungen von einer reinen Beschaffungsabteilung zu einem Strategischen Einkauf entwickelt haben.

 

Praxis Hack: Welche 5 Tipps können Sie Einkäufern zum Thema Quick Wins auf den Weg geben?

  • Der Klassiker: Analysieren Sie Ihr Einkaufsvolumen und verhandeln Sie jegliche Preise nach, die sich in den letzten 12 Monaten nicht verändert haben. Zusatztipp: Schicken Sie Ihr Team zu einem Verhandlungstraining! Die Kosten holen Sie in kürzester Zeit durch Verhandlungsergebnisse wieder heraus.
  • Passen Sie die Zahlungsbedingungen an und erhöhen Sie dadurch die Skonto-Zahlungen.
  • Analysieren Sie die bestehenden Lizenzen (ERP, CAD usw.). Oftmals zahlen Firmen für zu viele Lizenzen.
  • Bündeln Sie Artikel und/oder Dienstleistungen und vergeben Sie diese an 2-3 Lieferanten. Durch den Mengeneffekt lassen sich oft gute Preisreduktionen erzielen
  • Verhandeln Sie Rahmenvereinbarungen mit Ihren Lieferanten – gerade in der aktuellen Zeit sind Lieferanten zu Preisreduktionen bereit, wenn Sie wissen, dass ihr Kunde an einer längerfristigen Partnerschaft interessiert ist.

 

Thema Kompetenzen: Sehen Sie Tendenzen, welche Kompetenzen – Softskills und Fachkompetenzen – für Einkäufer unverzichtbar sind? Was gewinnt an Bedeutung?
Ich führe aktuell zusammen mit Dr. Jörg Hruby eine Umfrage zu diesem Thema durch, sodass ich diese Frage also sehr fundiert beantworten kann.
Bei den Fachkompetenzen liegen ganz klar das Lieferanten-, Risiko- und Projektmanagement vorn, wobei das Risikomanagement – vor allem auch durch die Corona-Pandemie begründet – stark an Bedeutung gewonnen hat.
Bei den Soft Skills stehen „strategisches Denken“, „die Fähigkeit, komplexe Probleme lösen zu können“ und „Vertrauen aufbauen“ ganz oben auf der Liste.

Was wir zudem sehen, ist, dass die Lernagilität an Bedeutung gewonnen hat. Dies bedeutet, dass man fähig ist, aus seinen Erfahrungen – vor allem auch Fehlern – zu lernen und dieses Gelernte dann auch anzuwenden.

 

Kurz und knapp: Die drei größten Trends, mit denen sich Einkäufer beschäftigen müssen?

  • Der Einkauf geht weg von der reinen Kostenoptimierung hin zu einer Mehrwert-Steigerung. So wandert z.B. das Einbringen von Innovationen und die technische Optimierung von Produkten (mit den Lieferanten) mehr und mehr von den technischen Abteilungen zum Einkauf.
  • Robotic-Process-Automation, kurz RPA: Viele der operativen, monotonen und nicht-wertschöpfenden Tätigkeiten lassen sich heute durch RPAs automatisieren.
  • Supply-Chain-Management: Ich bin davon überzeugt, dass die Einkaufsabteilungen nach und nach zu SCM-Abteilungen umgeformt werden. Der Einkäufer wird zukünftig also zu einem absoluten Teamplayer, der – auf Augenhöhe – mit dem Vertrieb, der Fertigung, der Logistik und der Qualität zusammenarbeiten wird.